Svjedoci - Die Zeugen
Text zum Film SvjedociVerlust der menschlichen Seele
Ich wollte ein Familiendrama machen, das vom Verlust der menschlichen Seele im Krieg erzählt. Ich wollte aufzeigen, wie die Spirale des Hasses in Kriegszeiten das Verbrechen in das Leben von ganz normalen Menschen trägt. Jurica Pavičićs Roman Nachtbus nach Triest beeindruckte mich durch seine furchtlose Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg, seine anschaulich gestalteten Charaktere und seine dunkle Beschreibung der Atmosphäre der Kriegsjahre in Kroatien. Es ging mir auch darum, die schweigende Mehrheit zu zeigen, die vor dem Verbrechen die Augen verschließt. Svjedoci erforderte es, daß ich viel ehrlicher zu mir selbst war. Meine ersten beiden Filme waren satirische Komödien. Es war klar, daß ich die Distanz, die ironischer Humor schafft, bei Svjedoci nicht einsetzen konnte.
Eine menschliche Extremsituation
Während des Drehens und Schneidens war mir bewußt, daß bei jeder Szene, jedem Bild, jedem Schnitt hinter der filmischen Herausforderung noch eine moralische Herausforderung lag. Also hörte ich auf, über Lokalpolitik nachzugrübeln und abzuwägen, wie gut oder schlecht eine Figur dargestellt werden sollte. Ich konzentrierte mich darauf, die Welt des Krieges so wiederzugeben, wie ich sie ehrlich sehe, von meinem eigenen Standpunkt aus. Ich besann mich auf mich selbst, auf meine persönlichen Erinnerungen. Alle Rückblenden sind wahre Geschichten, die ich von Soldaten gehört habe... Der Krieg ist eine Extremsituation, die das Schlimmste im Menschen zum Vorschein bringen kann. Als Geschichtenerzähler war ich daran interessiert, den Charakteren ungeachtet dessen, ob man sie für gut oder böse hält, eine Chance zu geben, Menschlichkeit, Mitgefühl und Liebe an den Tag zu legen, und wenn auch nur für einen Augenblick. Ich glaube nicht, daß die Nationalität für die menschliche Geschichte in Svjedoci von Belang ist. Ob ich Kroate, Iraker oder Amerikaner bin, ist nicht wirklich wichtig. Wesentlich ist, ob ich ein integrer Mensch bin.
Die Montage von Gefühlen
Der Roman Nachtbus nach Triest hat eine klassische lineare Erzählstruktur. Wir wußten von Anfang an, daß wir daran arbeiten mußten, das Gefühl für die Schönheit des Romans, seine vielen Abschweifungen, seine kleineren Erzählstränge und seine zahlreichen Beobachtungen Nebenfiguren betreffend wiederzugeben. Im Verlauf unserer Arbeit am Drehbuch entschieden wir uns gegen eine streng lineare Geschichte. Wir versuchten eine andere dramaturgische Montage, ich nenne sie die „Montage von Gefühlen“. Ich versuchte, die Emotionen in verschiedene Filmabschnitte zu gruppieren, um die Geschichte emotional maximal auszuwerten.
Dramen an jeder Straßenecke
Kroatien ist ein kleines Land. So seltsam es auch klingen mag, aber jeder kennt jeden. Jeder ist praktisch mit jedem verwandt. Verknüpfungen bilden die Struktur des Plots in Svjedoci. Obwohl dasselbe auch in einer großen Stadt passieren könnte, war es überzeugender, den Film in einer Kleinstadt anzusiedeln, wo die Beziehungen zwischen den Menschen klarer und akzentuierter sind, wo man an jeder Straßenecke Dramen miterleben kann... Der Film wurde in Karlovac gedreht, einer Stadt, die lange Zeit im Kriegsgebiet lag. Viele schreckliche Dinge sind dort während des Krieges geschehen. Die Stadt ist noch nicht zur Gänze wiederaufgebaut worden, deshalb herrscht eine Atmosphäre der Leere und Verzweiflung, die meiner Meinung nach visuell mehr über den Krieg aussagt als alles, was man künstlich darstellen könnte.
Eine serbische Schauspielerin spielt eine kroatische Mutter
Ich hatte nie ein Problem mit Staatsgrenzen und unseren lokalen Beziehungen. Ich machte einen Film und ich wollte das beste Team, das ich bekommen konnte. Marjana Karanović ist eine außergewöhnliche Schauspielerin (Emir Kusturicas Underground und Papa ist auf Dienstreise und Goran Paskaljevićs Das Pulverfaß) und ein großartiger Mensch. Ich hatte keine Hintergedanken, als ich eine serbische Schauspielerin eine kroatische Mutter darstellen ließ. Es gab deswegen einige heftige Reaktionen von kroatischer Seite. Sie haben mich damals nicht besonders interessiert und sie interessieren mich noch immer nicht... Vieles ist in Kroatien noch nicht aufgearbeitet worden. Unsere Gesellschaft hat Probleme mit einigen grundlegenden Dingen, etwa der Frage, ob unsere Kriegsverbrechen tatsächlich Verbrechen sind. Das ist eine schreckliche Art zu denken.








