Mehr Schau- als Arbeitsplatz, eine Bühne für das intergenerationale Drama: ein Heim für minderjährige Mütter und ihre neugeborenen Kinder in einer belgischen Stadt. Ein Team an Sozialarbeiterinnen, das versucht, die Lücke zu füllen, die die Eltern der fünf Protagonistinnen hinterlassen haben, die sich gemeinsam gegen das Katastrophische stemmen, dem die Frauen, nun junge Mütter, ausgesetzt waren oder sind. Stilistisch baut der Film auf den dokumentarisch grundierten Sozialrealismus, für den die Filmemacher stehen. Statt ein Schicksal ins Zentrum zu stellen, zeigen sie ein Spektrum, wie es sich an diesem sozialen Ort auffächert
Wir sehen ein großartiges Ensemble: Perla (Lucie Laruelle) wollte auch eine Familie, so wie ihre große Schwester, jetzt kämpft sie darum, dass ihr Freund sein Kind und sie nicht verlässt. Jessica (Babette Verbeek) möchte ihre Mutter kennenlernen, ihrem Kind die Großmutter erringen. Ariane (Janaïna Halloy Fokan) möchte keinesfalls zu ihrer alkoholkranken Mutter und deren gewalttätigem Freund zurück: Sie möchte ihr Kind in Sicherheit bringen. Julie (Elsa Houben) möchte mit Freund und Kind Inzest und Drogenabhängigkeit hinter sich lassen. Naïma (Samia Hilmi) hofft, dass die Wiederannäherung an ihre Mutter gelingt und sie mit ihrem Kind einen Weg zurück in die Familie findet, ohne abermals verstoßen zu werden. Ein Kind zu bekommen, war als Teil der Lösung gedacht, das Bedürfnis zu stillen, selbst als Kind geliebt zu werden: ein kraftvoller Akt, immerhin.
Wie in ihren anderen Filmen zeigen Jean-Pierre und Luc Dardenne eine Gesellschaft, die versagt und Hilfe nur anbietet, wenn es eigentlich schon zu spät ist, wenn ein „Fall“ entstanden ist: Junge Mütter waren seit jeher Objekt der Fürsorge. Die Eltern, selbst marginalisiert, werden zu Täter:innen, verleugnen, misshandeln, missbrauchen ihre Kinder. Und sie verlassen sie, allen voran die Väter (nach denen nicht einmal gesucht wird).
Die Arbeit im Heim setzt am Ende der Kette an, beschützt auf Zeit die neue Mutter-Kind-Dyade, aber sie bleibt gegen die Macht der Verhältnisse hilflos. Von allem bräuchte es mehr, und für alle bräuchte es Angebote. Wir sehen Sozialarbeiter:innen, die alles aufbieten, was ihnen zur Verfügung steht – wir sehen so vieles nicht; es gibt Medikamente, die beim Entzug helfen, aber keine Psychotherapie. Das Heim steht nur befristet zur Verfügung – die Hilfe ist nicht an den Bedürfnissen der jungen Frauen ausgerichtet, geschweige denn an jenen ihres familiären Umfelds.
Ob Sozialarbeit einen Unterschied macht? Wir wissen nicht, was kommt, und die Belastungen auf den Schultern der jungen Frauen erscheinen auch dann noch überwältigend, wenn glückliche Fügungen einen Lichtblick verschaffen. Zugleich wird Gutes, Gelingendes nicht vergessen: In der Schlussszene wird eine pensionierte Volksschullehrerin gebeten, ihrer ehemaligen Schülerin als Trauzeugin beizustehen. (Günter Hefler)
Goldene Palme für das beste Drehbuch – Cannes 2025
“’Young Mothers’ Is a Gentle Gift from the Dardenne Brothers” (Justin Chang, New Yorker, January 2, 2026)
“The realities of poverty, neglect, racism, and violence are harsh constants in the Dardennes’ working-class universe, but the filmmakers believe no less intently in the persistence of goodness – a force that is all the more powerful, they insist, for the stubborn unpredictability with which it can take root.” (Justin Chang, New Yorker, January 2, 2026)
„Ganz nah dran, ohne Urteil, aber mit großer emotionaler Wucht.“ – NDR
Begrüßung durch Iris Dullnig-Scheurecker, AK Wien – Abteilung Frauen- und Gleichstellungspolitik
The Pickers – Bittere Früchte
Frisches Obst und Gemüse das ganze Jahr über – für viele eine Selbstverständlichkeit. Doch wer erntet die Früchte, die täglich in unseren Einkaufskörben landen? „The Pickers“ beleuchtet die oft unsichtbaren Arbeitskräfte hinter Europas Agrarindustrie: eine Million Wanderarbeiter:innen, die unter prekären Bedingungen in Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Deutschland, Österreich und in anderen Ländern Felder bestellen. Ohne feste Arbeitsverträge, oft ohne Papiere und jegliche soziale Absicherung, sind sie der systematischen Ausbeutung schutzlos ausgeliefert. Ihr harter Alltag, gezeichnet von Hungerlohn, menschenunwürdigen Unterkünften und extremen Arbeitsbedingungen, ist kein Einzelfall – er ist die Regel in einem System, das von der Nachfrage nach immer billigeren Lebensmitteln getrieben wird.
Der Film geht jedoch über die bloße Anklage hinaus. Er dokumentiert auch den politischen Kampf um ein europaweites Lieferkettengesetz, das Supermärkte stärker in die Verantwortung nehmen soll, und zeigt, dass Alternativen möglich sind: Eine Kooperative in Süditalien beweist, dass faire Produktion und menschenwürdige Arbeitsbedingungen möglich sind.
„The Pickers“ gibt denjenigen eine Stimme, die oft übersehen werden, und stellt drängende Fragen: Was können Konsument:innen tun? Und welchen Preis sind wir bereit, für unseren Lebensstandard zu zahlen?
Mit Filmvermittlungsangebot durch die Pädagogische Hochschule Wien
Zum Auftakt eine Archivaufnahme von einem Kinosaal: „Ich bin fremd hier. Ich bin Aus-län-der“, spricht ein grinsender Herr von der Leinwand. Im Auditorium werden seine Worte wiederholt. Filmvorführungen wie diese dienten als Sprach-Crashkurse für die tausenden türkischen Arbeitskräfte, die nach dem Anwerbeabkommen von 1964 nach Österreich eingeladen wurden. Aus der kurzen Periode im Ausland wurden Jahrzehnte des (mehr oder weniger unterstützten) Heimisch-Werdens. In „Gurbet“ berichten neun Menschen aus dieser ersten Generation der Arbeitsmigration eloquent vom Leben auf der „schnurlosen Schaukel“ zwischen Türkei und Österreich. Die Rede kommt auf Erwartungen, Verstörungen, Verwundungen und Siege, auf Isolation durch die österreichische Mehrheitsbevölkerung wie das türkische Konsulat, und den Mangel an Melanzani in Wien. Der politischen Diagnose, etwa in punkto Wahlrecht, ist auch 16 Jahre später wenig hinzuzufügen: „Wer vierzig Jahre lang ,Gast‘ zu einem sagt, muss verrückt sein.“ (Joachim Schätz)
Dokumentation, A 2008, 93‘, DF und Türkisch mit Untertiteln
In Anwesenheit des Regisseurs Kenan Kılıç
Einen Beruf zu erlernen bedeutet mehr als Können zu erwerben – ist Teilnehmen, Dazugehören, bedeutet zu werden, wer wir sind. „10 Jahre“ begleitet vier junge Erwachsene und erzählt, wie der Beruf ihrem Leben Struktur gibt. Gut ausgebildet und doch blutige Anfänger*innen machen sie sich auf den Weg, noch sind die Herausforderungen unbekannt, die dem Bäcker, der Volksschullehrerin, der Medizinerin, dem Dirigenten begegnen werden. Lernen aus Erfahrung (über-)fordert, ermöglicht Wachstum, erzwingt Entscheidungen. Miss-/Erfolge: was sie zum Lernen beigetragen wird sich immer erst zeigen. Und niemand geht den Weg allein, da sind Kolleg*innen, Kund*innen, Patient*innen, Schulkinder, die Orchestermusiker*innen, die Eltern tauchen auf, die großen Lieben, die eigenen Kinder. Szenen aus dem Beruf wechseln mit Interviewpassagen, erzählen 10 Jahre wie im Flug: zurück bleibt eine tiefe Sympathie für die Protagonist*innen und eine neue Perspektive darauf, was es heißt, einen Beruf zu ergreifen und sich von diesem ergreifen zu lassen. (Günter Hefler)
Österreichpremiere
Momentaufnahme einer Automobilindustrie, in der sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen bündeln: Sedanur und Eva arbeiten nicht für Audi, sondern für Dienstleister, die für Audi arbeiten. Die eine ist als Leiharbeiterin in der Logistik im Einsatz, die andere sucht als Headhunterin Fachkräfte, die dieselbe Logistik weiter automatisieren sollen. Ihren Job kosten Sedanur dann aber die Auswirkungen des Abgasskandals. „Automotive“ fragt nach dem aktuellen Status von Arbeit für Lebensentwurf und Selbstverständnis, indem er das pointierte Doppelportrait der beiden Frauen versetzt mit historischen Archivaufnahmen, Seitenblicken zu vollautomatisierten Smart Factories und einer Nebenhandlung über den langen Atem gewerkschaftlichen Handelns. Während die Personalberaterin den Beruf gern Berufung sein lassen und sich Richtung Karibik vertschüssen würde, gehört für die Leiharbeiterin eine fixe Stelle mit Option auf Staplerschein schon ins Reich der Wünsche. (Joachim Schätz)
Wienpremiere
Vormittagsvorstellung mit anschließendem Filmvermittlungsangebot durch normale.at
Abendvorstellung mit Podiumsdiskussion „Soziale Klasse und Film“ (Moderation: Christoph A. Büttner)
„Keine Ahnung, wie mein Leben mit einem anderen Beruf verlaufen wäre. Aber mittlerweile ist der Bergbau ein Teil von mir“, Trans* Frau Martina ist die einzige Frau, die je im deutschen Steinkohlebergbau unter Tage gearbeitet hat. Als sich die Stilllegung abzeichnet, wechselt sie in ein Salzbergwerk. Ihre früheren Kumpel Locke und Langer fahren ihre letzte Schicht – Gesichter geschwärzt vom Kohlestaub, ein letztes Mal duschen, den Rücken des Kollegen schrubben, bevor sie Abschied nehmen von einer Ära und voneinander. Der Film begleitet sie beim Übergang in eine ungewisse Zukunft: neue Berufe, neue Wege. Eine visuell beeindruckende, dokumentarische Erzählung über den Abschied, die tiefe Verbundenheit unter Tage und die Herausforderung, ein neues Leben aufzubauen.
Eine Empfehlung für all jene, die sich fragen: Was bedeutet die grüne Transformation für diejenigen, deren Jobs verschwinden und die sich neu orientieren müssen? Wo gehen mit der Energiewende auch Identität und Solidarität verloren? (Jörg Markowitsch)
Österreichpremiere
Arbeiter verlassen die Fabrik + Zum Vergleich
Harun Farocki – er lehrte auch mehrere Jahre in Wien – hat wie kaum ein anderer Film als analytisches Werkzeug zur Sezierung von Arbeits- und Produktionsverhältnissen eingesetzt. In „Arbeiter verlassen die Fabrik“ (1995) nimmt er 100 Jahre nach der Geburtsstunde des Kinos den Topos der Brüder Lumière auf und montiert Aufnahmen von Arbeitern, die Werkstore verlassen (oder davor demonstrieren), zu einem kurzweiligen Essayfilm. Aus dem Off reflektiert er über Macht und Überwachung, das Fabriktor vs. das Gefängnistor.
In „Zum Vergleich“ (2009) ist die Versuchsanordnung genauso simpel wie bildlich verführerisch: Wie werden Ziegelsteine in verschiedenen Teilen der Welt, in Indien, Afrika oder auch Niederösterreich, produziert? Farocki bietet dabei lediglich das Filmmaterial – sowie einige Zwischentitel – an. Der Akt des Vergleichens zwischen vor-, früh- und hochindustrieller Produktionsgesellschaft und das Ziehen von Schlüsse in Bezug auf Arbeitsteilung, Wohlstand und Gemeinschaft obliegen den Zuschauer:innen. (Jörg Markowitsch)
Mit einer Einführung von Christoph A. Büttner
Schon als Kind war Yazid (Marwan Amesker als Junge, Riadh Belaïch als junger Erwachsener) von der Welt der Patisserie fasziniert. In einer Kindheit voller Umbrüche, von Pflegefamilien bis zum Heim, bleibt das Backen seine einzige Konstante. Doch sein Traum geht weit über einfache Süßspeisen hinaus – er will an die Spitze seines Metiers und die Weltmeisterschaft der Konditoren gewinnen.
Der Weg dorthin ist steinig: In den besten Küchen Frankreichs muss er sich gegen strenge Küchenchefs, harte Konkurrenz und seine eigene schwierige Vergangenheit behaupten. Doch mit unermüdlichem Ehrgeiz, Talent und einer dicken Haut trotzt er allen Widerständen. Seine Leidenschaft für Desserts treibt ihn an, und bald schon beeindruckt er nicht nur die Spitzenköche, sondern auch ein weltweites Publikum.
„Sterne zum Dessert“ erzählt die inspirierende Lebensgeschichte des renommierten Patissiers Yazid Ichemrahen, der 2014 zum Weltmeister des Eisdesserts gekürt wurde. In der Hauptrolle brilliert der französische Comedian und Influencer Riadh Belaïch, der Yazids Kampfgeist und Kreativität eindrucksvoll auf die Leinwand bringt.
DIE FRAU IM NEBEL (Decision to Leave)
Alles beginnt wie ein Krimi. Der erfahrene Polizist Chang ermittelt im Fall eines Bergsteigers, der von einem Fels in den Tod gestürzt ist. Erst scheint alles wie ein Unfall, doch bald gerät die hübsche Frau des Toten, die Chinesin Song Seo-rae, in den Fokus des Ermittlers. Schnell werden dann professionelle Grenzen überschritten.
DIE FRAU IM NEBEL – DECISION TO LEAVE sei eine Liebesgeschichte über zwei Personen, die sich nie “Ich liebe dich” sagen, erklärte Co-Drehbuchautorin Jeong Seo-kyeong. Sie fasst damit das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren perfekt zusammen. Ihre Beziehung ist geprägt von Sehnsucht, Misstrauen und Dingen, die sie sich nicht zu sagen wagen.
Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook (“Old Boy”), der das Script mitgeschrieben hat, begibt sich auf filmhistorisch vertrautes Terrain: Verbotene Beziehungen zwischen Ermittler und Femme fatale gehören zum Standard-Baukasten des klassischen Noir-Kinos. Dennoch wirkt DIE FRAU IM NEBEL – DECISION TO LEAVE jederzeit frisch und außergewöhnlich. Auch, weil der Filmemacher die Drama-Aspekte stärker in den Fokus rückt. Je länger die Laufzeit, desto stärker die unausgesprochene Liebe. Schüchterne Blicke, ein zögerliches Abdrehen, Warten auf Textnachrichten: Publikum und Ermittler befinden sich in der Zwickmühle. Schuld und Unschuld gehen fließend ineinander über. Wollen wir dieser Beziehung eine Chance geben?
Basierend auf den gleichnamigen Comicbüchern, erzählt die gebürtige Iranerin Marjane Satrapi ihre autofiktive Lebensgeschichte. Sie handelt von ihrer Heimat, den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und dem Aufeinaderprallen unterschiedlicher Kulturen. Eine unkonventionelle Verfilmung eines zeitgenössischen Comics, die durch ihre räumliche und inhaltliche Tiefe an Bedeutung gewinnt.
Marjane ist acht Jahre alt, als die Mullahs den Schah aus Persien vertreiben und die Macht übernehmen. Die Welt ist auf einmal eine andere, aber das rebellische Mädchen denkt gar nicht daran, sich den neuen strengen Regeln zu unterwerfen. Viel lieber entdeckt sie den Punk, ABBA, Iron Maiden und natürlich Jungs. Sie ahnt nicht, dass ihr spielerischer Protest gefährlich ist … nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Familie. Ein unkonventioneller, spannender und zutiefst menschlicher Zeichentrickfilm für Erwachsene.
PERSEPOLIS erzählt eine der bewegendsten Geschichten unserer Zeit voller Hoffnung, Lebensfreude und Leidenschaft.
„Marjane Satrapi ist Hauptfigur, Regisseurin und Zeichnerin der gleichnamigen Comic-Vorlage.‘Marji’ wird 1969 im Iran geboren und wächst dort inmitten der kriegerischen Revolte gegenden Schah auf, die nur erneut durch eine fundamentalistische Gewaltherrschaft abgelöst wird. In kindlich-träumerischen und schwarz/weiß-sachlichen Bildern zeichnet Satrapi ihre eigeneGeschichte als Geschichte des Irans zwischen politischer Desillusionierung und hoffnungsvollem Aufbegehren nach. Als die Gewalt vor Ort ausufert, wird Marji von ihren Eltern nach Wien auf eine internationale Schule geschickt. Die dokumentarische Coming-of-Age Geschichte fragt danach, was Revolution in einer globalen Welt bedeuten kann und welche Rolle wir jeweils darin spielen können.“ (Text: Kino & Krawall)