Vorfilm: A SOUTH FACING WINDOW + Mergen
Vorfilm: A SOUTH FACING WINDOW (OT: Урагшаа харсан цонх)
PUREV-OCHIR Lkhagvadulam, Frankreich, Mongolei 2025, 19 Min, Farbe, OmeU
MERGEN
Nurtai ist ein höchst einsilbiger Kommissar. Die monumentalen Landschaften des Tian-Shan-Gebirges, in dem Mergen, der fiktive Ort des Geschehens, angesiedelt ist, scheinen der Bevölkerung die Sprache verschlagen zu haben – oder die Armut der Region, in der einzig illegaler Raubbau an Bodenschätzen wie Gold oder Wilderei das Überleben zu sichern scheinen. Nurtai will die Umstände des Ablebens eines Jägers aus dem Ort aufklären, alle Spuren führen zunächst zu Kerim, der als Wilderei-Chef die Gegend kontrolliert und illegale Jagden für reiche Tourist*innen organisiert. Doch je weiter Nurtai ermittelt, desto mehr wird er von Visionen über die siebenjährige Anara heimgesucht, die vor kurzem verschwunden ist. Handelt es sich bei den Visionen um hellseherische Eingebungen, oder ergreift doch dieselbe Krankheit von Nurtai Besitz, die seinen Vater in die Psychiatrie gebracht hat? Der Ermittler muss sich seiner Vergangenheit stellen, um den Untergang des Ortes zu verhindern…
Mit Mergen hat Chingiz Narynov einen Neo-Noir geradezu biblischer Dimensionen geschaffen, kantig und rau, zugleich aber sagenhaft zärtlich in seinen Bildern.
Thooya will als Schauspielerin reüssieren und hat also die dörfliche Heimat verlassen, um in Mumbai ihr Glück zu versuchen. Ihren Unterhalt verdient sie als verdeckte Teilzeit-Sexarbeiterin. Sie lebt in einer Wohnung eines ihrer Sugar Daddys. Ein Zimmer hat sie an Swetha untervermietet, die in einem Callcenter arbeitet und selbst auch auf der Suche nach besseren Chancen vom Dorf in die Stadt übersiedelt ist. Aus der Zweckgemeinschaft der beiden entsteht – ganz unerwartet – eine feine Verbindung. Ihre Leben, scheinbar Sonnensysteme voneinander entfernt, verbinden sich ganz allmählich miteinander. Im Getöse der Großstadt teilen sie Momente des Schweigens, kleine Geschichten und Gesten der Empathie. Doch als verborgene Sehnsüchte und alte Wunden zum Vorschein kommen, werden die zarten Bande auf die Probe gestellt. Doch darauf, das ist die besondere Größe des Films, entfaltet sich kein Drama, sondern vielmehr eine Ermächtigung, ein Erstarken von Selbstbewusstsein, Resilienz und einer Verbundenheit zwischen Frauen, die in einer Welt bestehen müssen, die sie nicht wahrnimmt:
„Meine Freundin Jhuma war eine von denen, die im Rahmen eines staatlichen Programms mit 13 Jahren verheiratet wurden, dann verschwand sie. Ihr Schweigen ließ mich nicht los. Songs of Forgotten Trees ist geprägt von solchen Erinnerungen an Frauen, die Systeme überleben, die darauf ausgelegt sind, sie auszulöschen. Der Film folgt zwei Migrantinnen, deren Leben sich still und leise in einer Stadt kreuzen, die niemals stillsteht. Ich wollte Frauen ohne Wertung und ohne Metaphern darstellen. Mein Film ist ein Versuch, den Erzählraum für das Unsichtbare, das Komplexe und die stillen, widerstandsfähigen Menschen zurückzugewinnen. (Anuparna Roy)
Palimpsest: The Story of a Name
LIFETIME ACHIEVEMENT AWARD RED LOTUS ASIAN FILM FESTIVAL 2026
Über acht Jahrzehnte und vier Kontinente hinweg begibt sich Filmemacherin und Editorin Mary Stephen mit ihrem Film auf eine sehr persönliche Entdeckungsreise zu den Ursprüngen ihres englischen Nachnamens. Ausgehend von den Schmalfilmen und Tagebüchern ihres Vaters, Familienfotos, ihren eigenen Reiseaufnahmen, Fragmenten mündlicher Überlieferungen und offiziellen Archiven konstruiert Stephen eine vielschichtige, polyphone Erzählung, in der persönliche Erinnerung und kollektive Geschichte zueinander finden. Der Film bewegt sich von den Arbeiter*innen-Vierteln Hongkongs, wo die Lehrerin Hilda Yik den Arbeiter Chan Tik Fong zwischen Kleingewerbe und Hollywood-Träumen heiratet, nach Wuhan, wo der britische Intellektuelle Julian Bell, Sohn von Vanessa Bell und Neffe von Virginia Woolf, eine skandalöse Affäre mit einem renommierten, verheirateten chinesischen Schriftsteller eingeht, bis hin zu Orten wie dem australischen Outback, Montreal und Toronto, London und Cambridge, Paris und Cassis, immer auf der Suche nach unwahrscheinlichen Entdeckungen und guten Begegnung. Wie und warum wurden Hilda Yik und Chan Tik Fong zu Hilda und Henry Stephen?
Mit ihrem Film fügt Mary Stephen Bausteine eines vergessenen Mosaiks neu zusammen – und kreiert so eine Meditation über Neuanfänge und die unwiderstehliche Versuchung, die eigene Geschichte neu zu schreiben und sich selbst so (immer wieder) neu zu erfinden.
Für ihr bisheriges Werk als Filmemacherin und Editorin verleihen wir Mary Stephen den RED LOTUS LIFETIME ACHIEVEMENT AWARD 2026. Voraussichtlich wird es Mary Stephens fragile Gesundheit leider nicht erlauben, persönlich nach Wien anzureisen, daher planen wir eine Online-Gespräch mit der Künstlerin vor der Vorstellung des Films.
Sommer 2001. Der siebzehnjährige Kein, Markenzeichen grellrote Haare, kehrt nach zehn Jahren in Vietnam zu seiner Familie auf den Markt von Cheb (Tschechien) zurück. Dort gehen vor allem Deutsche gerne einkaufen, neben billigen Jeans gibt es haufenweise gefakte Designerware. Doch statt eines herzlichen Empfangs erwarten ihn ein distanzierter Vater, eine Mutter, die verzweifelt versucht, die Vergangenheit zu kitten, und ein jüngerer Bruder, der nicht bereit ist, die Rolle des Sohnes oder die Aufmerksamkeit der Eltern mit ihm zu teilen. Zwischen Pokemons auf T-Shirts aufbügeln, tschechische Grammatik pauken und am See flirten kommt schließlich ein sehr lange gehütetes Geheimnis ans Licht – und stellt das Leben der vietnamesischen Community im Ort auf den Kopf…
Mit beschwingter Leichtigkeit und augenzwinkerndem Humor erzählt Dužan Duong von Alltag, Sorgen und Nöten – sowie einiges Partys in einer vietnamesischen Community in Tschechien. Und davon, dass Verständnis manchmal damit beginnt, Risse und Gräben sichtbar werden zu lassen und ganz, ganz genau anzuschauen. Ein umwerfend luzider Erstlingsfilm!
Montages of a Modern Motherhood
Suk-jing ist von ganzem Herzen bemüht, eine ‚gute Mutter‘ zu sein. Am Beginn des Tages pumpt sie Muttermilch ab, übergibt ihre Tochter in die Obhut ihrer Schwiegermutter und macht sich auf den Weg zur Bäckerei, in der sie arbeitet. Alles wäre eitel Sonnenschein, gäbe es da nicht ein klitzekleines Problem: die Realität. Das Baby hört nicht auf zu weinen – und Schwiegereltern wie Nachbar*innen nicht, sie dafür zu kritisieren. So geht sie nachts im nahegelegenen Park spazieren, bis das Baby einschläft. Zudem wächst es unterdurchschnittlich, offenbar eine Folge davon, dass sie ‚zu wenig Milch‘ produziert, weitere kritische Kommentare der Schwiegermutter sind vorgezeichnet.
Auch Suk-jings Mann Wai ist keine Hilfe, er tut die ganze Zeit so, als käme sie ihren ‚ureigensten‘ Aufgaben nicht nach, sie fühlt sich von A-Z unverstanden. Als sie schließlich auch noch ihren Job in der Bäckerei verliert, drohen die Wogen über ihr zusammenzuschlagen…
Oliver Chan Siu Kuen hat uns einen Film voll von Realismus und Empathie geschenkt, der unter die Haut geht. Er erzählt von den zentralen Fragen und Problemen, mit denen sich Mütter im Hongkong des 21. Jahrhunderts konfrontiert sehen – aus der Perpektive einer prekär beschäftigten jungen Frau, die zum Scheitern verurteilt scheint, aus ökonomischen wie ideologischen Gründen. Umwerfend in ihrer Rolle die Hauptdarstellerin Hedwig Tam ebenso wie ihre Gegenspielerin Janis Pank in der Rolle der Schwiegermutter. Ein leiser und zugleich bahnbrechender Film: ein Stück Kino der Befreiung.
Arbeiter Li Mingqi hat das Fliegen im Blut, schon sein Vater verfolgte den großen Traum des Ikarus, doch sein Sohn will noch viel höher hinaus und experimentiert mit so ziemlich allem, was einen Höhenflug verspricht. Doch Hochmut, so heißt es, kommt vor dem Fall, so ergeht es auch Li Mingqi, der vom Himmel fällt und seinen Schwager schwer verletzt. Darauf muss Mingqi seinem Schwiegervater und seiner Frau hoch und heilig versprechen, schön auf dem Boden zu bleiben. Und weil Li Mingqi ein durch und durch anständiger Bursche ist und ihn wegen der bleibenden Schäden, die sein Schwager durch den Sturz erlitten hat, schwere Schuldgefühle umtreiben, schlägt er sich das Fliegen wirklich aus dem Kopf und eröffnet stattdessen mit seiner Frau ein Tanzlokal in einem ausgedienten Industriemuseum. Das will allerdings nicht so recht in Fahrt kommen, es finden sich nur spärlich Gäste ein, doch Li Mingqis Erfindergeist scheint keine Grenzen zu kennen… Als sein Neffe schwer erkrankt und Geld für seine Behandlung benötigt wird, beschließt Li Mingqi jedoch kurzerhand, sich ein allerletztes Mal in die Lüfte zu erheben.
Pengfeis herzerwärmende Familiensaga mit Düsenantrieb ist Shuang Xuetaos Kurzgeschichte The Aeronaut nachempfunden. Mit großzügigen Pinselstrichen entwirft der Regisseur ein Sittengemälde Chinas im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Für ihn sind es die unablässigen, von wohlmeinenden Absichten getragenen, wenn auch häufig vergeblichen Bemühungen der kleinen Leute, die gute Geschichte/n machen – während wir im Kino sitzen und uns nicht so ganz sicher sind, ob wir darüber lachen oder weinen sollen…
Ein normaler Tag in einem Mädcheninternat irgendwo auf dem Land. Plötzlich die Nachricht: Klassenlehrer Jong-sung ist spurlos verschwunden. Die meisten Schülerinnen nehmen es gelassen, doch Yun-ji ist zutiefst verstört. Sie hatte eine Affäre mit dem (verheirateten) Lehrer und ist schwanger. Ist er untergetaucht, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen?! Yun-jis coole Zimmernachbarin Kyung-sun dagegen scheint vor allem an Geld interessiert, sie verkauft Liquids für E-Zigaretten an ihre Mitschüler*innen und spart jeden Cent, um sich endlich ihren Traum finanzieren zu können und nach Australien abzuhauen. Doch als sie nach der Schule in das gemeinsame Zimmer zurückkehrt, ist all ihr Geld gestohlen und Yun-ji auf und davon, um sich Abtreibungspillen zu besorgen. Voller Zorn nimmt Kyung-sun die Verfolgung auf, doch als sie Yun-ji endlich habhaft wird, nimmt der Film eine überraschende Wendung: Freundinnenschaft kommt ins Spiel, Kyung-sun beginnt, sich mit ihrer Zimmergenossin zu solidarisieren, die jungen Frauen wägen gemeinsam die Optionen (illegaler) Abtreibung vs. jugendlicher Schwangerschaft ab und Yun-ji fasst im weiteren den Mut, die Ehefrau des Klassenlehrers zu konfrontieren.
Mit seinen bestechenden Bildern erzählt En route to so von viel, viel mehr als einer ungeplanten Schwangerschaft, einer ‚unmöglichen Liebe‘ oder dem Elend illegaler Abtreibung (in Südkorea). Nämlich von der Schönheit des Erwachsen Werdens mit Freundinnen, von Solidarität und Empathie – und der leisen Erkenntnis, dass es nicht nur ‚den einen‘ richtigen Weg gibt.
Das lange Warten hat sich gelohnt, Jackie Chan is back – in einer Rolle, die seinem Namen alle Ehre macht. Vor allem aber in einem Film, der fährt: schnell, präzise und sexy. Der pensionierte Überwachungsexperte Wong Tak-chung (Jackie Chan) wird in den Dienst von Macaus Polizeigarde zurückbeordert. Er soll die Eliteeinheit „Adorable Unit“ ausbilden, um endlich dem sagenumwobenen Fu Longsheng alias „The Shadow“ (Tony Leung Ka Fai) und seiner Bande auf die Spur zu kommen. Die Bande stiehlt Kryptowährungen in Milliardenhöhe und entkommt der Polizei mit ziemlich eleganten Methoden, die uns eines der feinsten Überwachungskamera-Balletts der Filmgeschichte bescheren. Und das ist nur eine von ganz vielen Sequenzen des Films, in denen uns Mise-en-scene, Bodyaction und schnelle, überaus präzise Montage wieder einmal lehrt, die große Leinwand zu lieben.
In dem Remake des Hongkonger Polizeifilms „Eye in the Sky“ (Yau Nai-hoi, 2007) spielt Tony Leung Ka Fai erneut die Rolle des mysteriösen Bandenchefs, dessen Gesicht noch nie von einer Kamera eingefangen wurde. Wär hätte gedacht, dass good old Jackie Chan und er ein derart brillantes Kino-Team abgeben würden? Aber ja, gute Bodyaction von alten Helden ist einfach große Klasse, selbstredend aber nur auf großer Leinwand!
Im löchrigen Schatten des Jamun-Baums und der Stille ihrer von Gewürzen überquellenden Küche bewegt sich Zeba so leise wie ein Geist. Sie ist frisch verheiratet, noch zeugen barocke Kostüme und Mobiliar in satten Farben von der Feier, doch die Stimmung zuhause ist gedrückt: Ihr Mann Sajawal fühlt sich von seinem eigenen Spiegelbild verfolgt. Zeba sucht und findet also Zuflucht und Trost bei zwei Frauen: ihrer Schwiegermutter Sohni Ammi, deren scharfe Zunge ein großes Vergnügen birgt, und bei der schweigsamen Nachbarin Bholi, deren Blicke Bände sprechen. Zeba selbst wiederum kämpft mit den Schatten ihrer Vergangenheit. Der Tod dreier Männer, die starben, bevor sie Zeba heiraten konnten, schwebt wie ein Fluch über ihr. Aber langsam erwacht doch die Liebe zwischen Sajawal und ihr, während dessen Paranoia immer heftiger wird. Körper werden zu Schlachtfeldern, Begehren führt zu Anarchie.
Lali ist ein düsterer und zugleich ungemein humorvoller Fiebertraum aus den Barackenvororten des pakistanischen Sahiwal, wo Prophezeiungen schwer auf den Menschen lasten und Geister fröhlich zwischen den Lebenden wandeln. Selten, wirklich sehr selten hat sich ein Filmerlebnis so gelohnt!
Partha, Sohn verarmter Jatra-Künstler*innen (ein bis heute vor allem im Osten des indischen Subkontinents populäres Volkstheater), ist auf der Suche nach seinem eigenen Weg. Während seine Eltern weiterhin alles daran setzen, ihren Lebensunterhalt mit dem Theater zu verdienen, engagiert sich sein bester Freund Mihir in der Politik: Er will verhindern, dass alte Seilschaften im Dorf wieder das Ruder übernehmen und der aus dem Exil zurückgekehrte manipulative Oppositionsführer die Nöte der Bevölkerung für seine eigenen korrupten Zwecke ausnutzt. Partha hingegen ist gerade vor allem verliebt, doch die Eltern der angebeteten Nupur stimmen der Heirat nicht zu. Ist Durchbrennen eine gute Idee, wo doch das Dorf von einer mächtigen Überschwemmung heimgesucht wird? Während die Welt ringsherum in den Fluten versinkt, versucht Partha, einen klaren Kopf zu bewahren…
Selten hat es ein Film verstanden, in so eindringlicher Weise von den existentiellen Nöten einer ganzen Generation zu berichten, ganz ohne in den leisesten Anflug von Paternalismus oder Misanthropie zu verfallen. Und selten hat das Kino so beredt und zugleich mit wenigen Worten davon erzählt, wie sich die verheerenden Folgen von Klimawandel und Landgrabbing in einer der marginalisiertesten Regionen des Erdballs ausnehmen!